"Das ganze Volk steht Hand in Hand" | Telepolis

2022-06-25 09:28:33 By : Mr. Fred Zheng

Gruppenbild mit Klerikern und Offizieren im deutsch besetzten Litauen. Im Hintergrund in der Mitte (mit Hut): Clemens August von Galen. Dritter von rechts: Caritas-Prälat Lorenz Werthmann. – Aufnahme 1918, Fotograf unbekannt (Archiv des Deutschen Caritasverbandes)

Die deutsche Verachtung des Pazifismus hat Tradition. Das Münsterland und Clemens August von Galen im Ersten Weltkrieg – Kirche & Weltkrieg, Teil 11

Im Jahr 1914 ist das Deutsche Kaiserreich angeblich auf Schlafwandler-Pfaden – wie aus heiterem Himmel – in eine Katastrophe mit vielen Millionen Toten hineingestolpert. Wer gemäß der letzten deutschfreundlichen Geschichtsrevision die Sache so erzählen will, bleibt von allen unbequemen Erinnerungen befreit.

Friedrich Engels hat die große Menschenschlächterei schon Jahrzehnte im Voraus angesagt. Wer den Schlafwandel heute nicht liebt, wird auch sprechen von einer sozialdarwinistischen "Naturwissenschaft des Völkerringens im Daseinskampf" gegen Ende des 19. Jahrhunderts, vom deutschen Großmachtstreben, von einer Aufrüstung sondergleichen, vom deutschen Völkermorden im Gebiet des heutigen Namibia, von einer allgegenwärtigen Militarisierung des öffentlichen Lebens im Kaiserreich und der Vorbereitung des Publikums durch geostrategische Bestseller.

Die Rüstungsschmieden waren auf einen kommenden Krieg eingestellt, nicht um ihn abzuwenden, sondern um mittels milliardenschwerer Tötungstechnologien "deutsche Weltgeltung" ein für allemal festzuschreiben. Ab Ende 1914 debattierte man überall in deutschen Landen über aggressive Kriegsziele, Einflusssphären und Gebietsgewinne. Laien erprobten sich im Kontext von Alltagsgesprächen in Waffenexpertise und Militärstrategie. Gottesgelehrte warnten vor voreiligen Friedensverhandlungen. Von Schlafmützen war bei alldem wirklich keine Rede.

In einem neuen Materialband des seit Anfang 2021 in dieser fortlaufenden Telepolis-Reihe vorgestellten Editionsprojekts Kirche & Weltkriegbeleuchten wir die deutsche katholische Kriegsbeihilfe im westfälischen Bistum Münster.

Teil 1: Als die Kirche staatsfern war Teil 2: Katholizismus und Erster Weltkrieg Teil 3: Protestantismus und Erster Weltkrieg Teil 4: Frieden im Niemandsland Teil 5: "Auf zu den Waffen! Gott will es!" Teil 6: "Gebete zur Beseitigung des Pestherdes" Teil 7: "Zertrümmerung des Bolschewismus und ein neues Europa" Teil 8: Franziskus Justus Rarkowski (1873-1950) Teil 9: "Hitler als christliche Staatsmann" Teil 10: Paderborner "Hirten unter Hitler"

Dort hatte es im 19. Jahrhundert wie in anderen neupreußischen Landschaften noch antimilitaristische Mentalitäten gegeben. Wenn ein Sohn bei den Preußen Soldat werden musste, wurde ehedem in der Familie wie bei einem Begräbnis getrauert.

Am Vorabend des Ersten Weltkrieges ist von derlei Vorbehalten nichts mehr übrig. Bei Kriegsbeginn 1914 will die münsterische Bistumsleitung wissen, dass der protestantische Kaiser die "Gerechtigkeit unserer Sache" verbürgt und ein Gebet der um den Altar Versammelten "für den Sieg unserer Waffen" angesagt ist.

Die Kriegstheologen finden offenbar nichts Anrüchiges daran, den Abgrund des modernen Krieges Gott in die Schuhe zu schieben; der "Allmächtige" wolle die Völker über den Krieg als "Lehrmeister" erziehen oder strafen usw. Anfangs herrscht Euphorie ob eines Aufschwungs im kirchlichen Leben, der sich nicht zuletzt in der Statistik des Sakramenten-Empfangs niederschlägt. Allerdings kann schon 1916 der Krieg auch mit "großen Gefahren für das religiös-sittliche Leben" in Verbindung gebracht werden.

Bischof Johannes Poggenburg (1862-1933) versuchte als Leiter des Bistums Münster mitunter auf eine sehr eigenwillige Weise, die Trauernden zu trösten: Der Krieg habe nicht unbedingt negative Auswirkungen. Viele junge Soldaten, die "für die höchsten [!] Güter des Vaterlandes gefallen seien", hätten einen direkten Weg zur himmlischen Heimat gefunden. Manch einer von ihnen wäre "vielleicht in der behaglichen Ruhe des Friedens irregegangen".

Der Münsteraner Moraltheologe Prof. Joseph Mausbach (1861-1931) ist heute vor allem noch bekannt wegen seiner "katholischen Apologie" der Verfassung von Weimar, an deren Ausarbeitung er als Mitglied der Nationalversammlung 1919/1920 selbst mitgewirkt hat. Während des Weltkrieges ist dieser Priester und Zentrumspolitiker u.a. als Leiter eines "Arbeitsausschusses zur Verteidigung deutscher und katholischer Interessen" und als Mitherausgeber des populären Kriegs-Volksbuches "Sankt Michael" hervorgetreten.

Mausbach zählt zu den Unterzeichnern des berüchtigten "Aufrufs an die Kulturwelt" vom 4. Oktober 1914, in dem sich "93 deutsche Gelehrte" hinter den mit der Ermordung von tausenden Zivilisten einhergehenden deutschen Überfall auf das neutrale Belgien stellten. 1914 hat er auch seine erste Propaganda-Rede "Vom gerechten Kriege und seinen Wirkungen" veröffentlicht:

Wie überall in Zeiten falschen, faulen Friedens hatte sich die feige Liebe zum Leben, die Vergötterung des langen, schmerzlosen Erdendaseins in die Volksseele eingeschlichen; schnöder Missbrauch der Ehe und Versündigung am Kindesleben, um das eigene zu schonen, das war die naturgemäße, naturzerstörende Folge. Nun schwingt der Krieg seine Geißel, nun zerreißt er das Lügengewebe der Eigenliebe und das Schreckgespenst der Übervölkerung!

Nun zeigt er die Unerbittlichkeit und den Adel des Todes und mahnt uns an die Pflicht, das Leben nicht als der Güter höchstes zu betrachten, sondern es mutig hinzugeben, wo immer es gilt, Heiligeres zu schirmen, im Kampfe oder im Frieden. […] Das Glück verweichlicht nicht bloß die menschlichen Sitten, es verblendet auch die für Gott bestimmte Seele, dass sie den Zug zum Ewigen vergisst und sich im Irdischen heimisch macht.

Die Kreuzzugsstimmung "Gott will es" war Mausbach zufolge noch viel wuchtiger als in Vorzeiten zum Durchbruch gekommen; die deutsch-österreichische Volkseinmütigkeit im Krieg sei "zuverlässiger und heiliger als das Votum eines internationalen Schiedsgerichts". Der Redner zeigte sich begeistert von der "alle Gaue und Stämme, alle Konfessionen und Stände umspannenden und versöhnenden Einheit". Alle sagen Ja zur Geschlossenheit der nationalen Kriegsfront.

Zahlreiche Kriegsworte von Münsters Domprediger Dr. Adolf Donders (1877-1944) sind in einem federführend durch Bischof Michael von Faulhaber herausgegebenen Militärseelsorge-Predigtband "Das Schwert des Geistes" (1917) dokumentiert. Einige Beispiele aus diesen frommen Ansprachen seien hier wiedergegeben:

• "Das Gesetz über alles! Dem Gesetze getreu! Kameraden! Wo das Gesetz spricht, ruft, gebietet, da sind auch wir zur Stelle. Wir geben dem Kaiser, was des Kaisers ist, weil wir Gott geben, was Gottes ist. […] auf dem Gehorsam beruht die ganze Weltordnung".

• "Wenn wir der Tage gedenken, da wir ins Feld hinauszogen, um draußen für Volk und Vaterland zu kämpfen, da wir mutig und begeistert den Fahnen folgten, da wir uns den Hunderttausenden in unsern großen, siegreichen Armeen anschlossen, ja da lebte nur ein Hochgefühl der Freude, des Opfermutes, der Hingabe für die Brüder, der Begeisterung für die heilige, gerechte Sache in uns, und es machte uns glücklich und riss uns alle mit fort."

• "Ein Feigling der Kamerad, der den Soldateneid, den Eid auf die Fahne des Regiments nicht hält: verachtet von allen andern."

• "Nichts ist unmöglich, was wir ernstlich wollen. Der Wille kann, was er will. Mein Geheimnis ist es, an nichts Unmögliches zu glauben. Lernet das von den Luftfahrern und den Tauchbootführern, von der ganzen Technik unseres Krieges!"

• "Der eine große Opferaltar steht ja seit Kriegsanfang in unserer Mitte […]. Ein Volk ist niemals größer, und eines Volkes Opferflamme flammt niemals heller auf, als wenn zusammen gestorben sein muss: nicht, wenn zusammen gekämpft wird, nein, wenn zusammen gestorben sein muss. Dann ist der Opfergeist auf seiner höchsten Höhe."

• "Es wird mein Blut nicht vergeblich geflossen sein; es wird auch mein hingeopfertes junges Leben und mein Name mithineingehören in den Sieg der Zukunft, und mein Blut wird ein heiliger, fester Kitt im Tempelbau des zukünftigen Deutschlands sein. Darum sterbe ich gern. Darum bringe ich willig mein Leben zum Opfer."

• "Deutschlands Söhne waren von jeher die Mannen der Heerbanntreue: wenn bei den alten Germanen der durch Gotteslos zum Führer für den Krieg bestellte Herzog seinen Heerbann ausrief, dann kamen sie alle herbei. Jeder setzte sein Höchstes und Bestes ein. Oft deckten ihre Leiber im Tode noch den toten Führer: sie waren seine Getreuen geblieben. Der Wille ihres Herzogs erschien ihnen als Gottes Wille. Diese Auffassung durchzieht unsere ganze Geschichte. Sie ist uns heilig als Deutschen. Sie ist uns heilig als Soldaten. Sie ist uns heilig als Katholiken".

Bei der plattdeutschen Textproduktion im Dienste der Kriegsapparatur 1914-1918 nimmt das Münsterland eine unbestrittene Spitzenstellung unter den katholischen Landschaften ein.

Bezeichnenderweise benutzten in diesem Zusammenhang Angehörige einer konfessionellen Minderheit als "Neupreußen" ihre regionale Mundart für die vaterländische Propaganda. Unten den Akteuren des katholischen Milieus sticht hierbei der bekannte Dichterpriester Augustin Wibbelt (1862-1947) mit seiner Gedichtsammlung "Dat ganze Volk steiht Hand in Hand", Gebrauchstexten für die Front und einem plattdeutschen Kriegsroman (1918) hervor.

Dieser Vertreter einer deutschen, nationalen Kriegstheologie lehnte einen katholischen Pazifismus ab. Nation, Staatstreue und Opfertod predigte er den Gläubigen als hohe Werte: "Das Soldatenwesen ist ein Jungbrunnen für die Volkskraft." Und wieder die Weisung: "Ohne Gehorsam kann die Welt nicht bestehen"!

Noch krasser verkörpert der münsterländische Rechtskatholik Karl Wagenfeld (1869-1939) mit seinen literarischen Beiträge zum Ersten Weltkrieg ein anderes Westfalen als das der alten "Muss-Preußen".

Bei ihm stoßen wir auf eine kriegsfreundliche Weltanschauung, in deren Mittelpunkt der von überzeitlichen Kämpfen zur Sünde getriebene Mensch steht, und auf eine bereits völkisch eingefärbte, explizit rassistische Heimatideologie. 1936 wird der im nationalistischen Lager beheimatete und überregional bekannte Dichter (NSDAP-Mitglied ab April 1933) von sich schreiben: "So trag ich Soldaten- und Bauerblut".

Im Ersten Weltkrieg war Karl Wagenfeld rührend um die ökonomische Wiedereingliederung von "Kriegskrüppeln" bemüht, wobei Prothesen die Versehrten wieder zu "nützlichen Menschen" machen sollten.

Vor allem hat er als Katholik und "deutscher Mann" der Friedensbotschaft des Papstes in Rom eine entschiedene Absage erteilt und sich offen zum Hass auf die Feinde bekannt. Solche Inhalte wurden unentwegt in Tageszeitungen, Feldpostdrucken, Lyrikbänden und Versepen verbreitet. Sie galten manchen als "große Dichtung".

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